Alles muss raus: Zufällige Gedanken nach schlechter Bewertung

Alles muss raus: Zufällige Gedanken nach schlechter Bewertung

Short-Info: Ein Blog-Beitrag über das Bewertungssystem im praktischen Teil der Ausbildung der Gesundheits- und Krankenpflege und eine brutal ehrliche, destruktive Muster entlarvende Selbsteinschätzung.

In meiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger durchlaufe ich mehrwöchige Praxisblöcke auf verschiedenen Stationen, im ambulanten Dienst, einer Kinderklinik und einer Klinik für Psychiatrie. Aktuell bin ich in der Notfallambulanz eingeteilt. Gestern fand mein Zwischengespräch statt. In solch einem Gespräch gibt man einer sogenannten Praxisanleiterin – die von Station zu Station wechselt und auch innerhalb einer Station, über den gesamten Einsatz hinaus, nicht dieselbe Person sein muss – als Einstiegsritual Feedback zum Einsatz. „Wie ist dein Eindruck bisher?“ Es ist die erste Frage, die jeder stellt. Hier nehme ich der Praxisanleiterin Wind aus den Segeln. Ich weiß, welches Feedback sie mir geben wird.

Dann bespricht man kurz, ob die im Erstgespräch vereinbarten Lernziele erreicht wurden und wenn nein, warum nicht. Weitere Ziele bis zum Endgespräch werden notiert. Danach wird’s interessant: Eine Liste mit 17 Punkten wie „Fachlicher Kompetenz“, „Persönlicher Kompetenz“ oder „Sozialer Kompetenz“, wird aufgedeckt. Diese werden von 1 bis 6 bepunktet. Je höher die Summe, desto besser. Jetzt muss man sich im Klaren sein, wie die Praxisanleiterin auf ihre Punkte kommt: Man weiß es nicht. Man weiß nur, dass sie sich im Stationsteam nach einem erkundigt. Man weiß nicht, mit wem sie spricht (kennt diese Person mich? Wie oft habe ich mit ihr zusammengearbeitet?), welche Fragen sie ihm stellt und wie diese in die Bepunktung einfließen. Jede Station handhabt das anders. Einmal konnte ich auf einer anderen Station dabei zuhören und das war nicht unlustig. Es wurde nach Sympathie beurteilt und hanebüchen interpretiert. Kriterien, die bei mir nicht vorkommen konnten, wurden schlecht bewertet. Kriterien, die bei mir vorkamen, aber nur von abwesenden Pflegekräften bezeugt werden konnten, wurden auch schlecht bewertet. In dubio pro duriore. Dem voran gingen ein lang anhaltender Disput mit einer Pflegekraft, die mir ihre zahlreichen Fehler in der Behandlungspflege unterschieben wollte. Mein Glück war, dass die Stationsleitung mich sehr mochte und mein Punktekonto, begleitet durch ein paar Machtworte, massiv nach oben schraubte. Auf solch einflussreiche Hilfe konnte ich heute nicht hoffen.

Sie drehte das Blatt um. Es war bereits ausgefüllt. Manche besprechen dann jeden einzelnen Punkt. Andere verlegen das Gespräch an das Schichtende, verlassen ohne große Kommentare den Raum und sind für Rückfragen nicht verfügbar, weil schon außer Haus. Mir ist es nur einmal untergekommen, dass das Blatt noch unbeschrieben war und ausführlich zu jedem Kriterium Stellung genommen wurde, Raum zur Rechtfertigung/Reflexion des Schülers mit eingeschlossen. Das war zugleich meine fairste Bewertung überhaupt, von dessen Feedback ich heute noch profitiere.

Pflege bedeutet drei Schichten (Früh, Spät, Nacht). Stationen bedeuten große Teams, meist einige in Teilzeit. Große Teams bedeutet verschiedenste Charaktere. Nicht jeder mag Auszubildende. Nicht jeder meistert sein Aufgabenfeld derart gekonnt, dass er Zeit für Schüler hätte. Und manchmal, oh Wunder, stimmt einfach die Chemie nicht, ohne, dass es zu ändern wäre. Ach ja, und manche sind sehr sprunghaft. Es scheint da fast so, als hätten sie einen gewissen Zeitraum im Monat, wo sie nicht zurechnungsfähig sind. Die Konstellationsmöglichkeiten sind vielfältig. Ich bin inzwischen so weit zu sagen: Das Fachgebiet einer Station ist zweit-, wenn nicht sogar drittrangig. Das Team ist der wichtigste Faktor. Besteht das Team aus tratschenden Zicken, Arschlöchern und Machtversessenen, wird der Stuhlgang in der Bettpfanne zum Symbol fürs Arbeitsklima. Es gab Stationen, auf denen ich meine schlimmsten und meine besten Tage in einem Block hatte. Mit dem einen lernte ich unfassbar viel, mit dem anderen verlernte ich sogar Dinge. Wieder andere hetzten einen durch die ganze Schicht, aber gaben einem das Gefühl, gestärkt und klüger nach Hause zu gehen. Es kam darauf an, welcher examinierten Pflegekraft ich in der Schicht zugeteilt war, niemals auf die Patienten.

Nun arbeitet man in einem Praxisblock mit verschiedenen Leuten zusammen. Schlimm sind die, die sich Menschenkenntnisse zuschreiben und mit wenig Input, große Psychoanalysen veranstalten wollen. In der Pflege gibt es davon einige. Klar, Pflege ist ein Beruf, wo man eine Menge mit Menschen zu tun hat. Dass das aber nichts heißen muss und schon gar nicht Allmachtsfantasien bezüglich der Erstellung von Persönlichkeitsprofilen begründet, ist für jeden, der über ein bisschen Differenzierungsvermögen verfügt, keine Überraschung. Lass dich überraschen, wenn sie dich bewerten …

Während es einem egal ist, wie Praxisanleiter auf ihre Bepunktung kommen, wenn man sehr gut abschneidet, so sehr möchte man gerne die Hintergründe erfahren, wenn die Bepunktung nicht gut ist. Im heutigen Zwischengespräch bekam ich meine schlechteste Bepunktung seit der gesamten Ausbildung, umgerechnet sogar meine schlechteste Note überhaupt. Das Besondere: Ich bin nicht überrascht. Ich bin etwas angesäuert, aber nicht überrascht. Meine Performance dort ist alles andere als gut. Ich bin auch alles andere als zufrieden mit meinem Einsatzfeld, -ort und dem Team. Natürlich bekam ich ein paar Begründungen für mein Verhalten zu hören, Begründungen, die ich entweder schon kannte oder die – typisch Wald-und-Wiesen-Psychologen – an den Haaren herbeigezogen war. Deswegen jetzt hier meine eigene, von Grund auf ehrliche Einschätzung zu mir selbst und zum aktuellen Praxiseinsatz, zumindest das, was mir jetzt auf die Schnelle in den Sinn kommt. Auf die Frage, wie mein Eindruck ist, habe ich hiervon ein paar Aspekte weggelassen oder sie umformuliert. Go figure, welche das gewesen sein könnten.

Roger B. Nigk’s Selbstbild ist massiv von der Einschätzung anderer abhängig. Wenn ich in einer Gruppe nicht wirke, mich nicht angenommen fühle, in ihr emotionalen Stress habe, schreibe ich die Ursachen sofort mir zu. Ich empfinde mich dann als ungenügend, was den Stress weiter erhöht. Erschwert wird dies durch eine Diskrepanz zwischen dem Ist und meinem selbstdefinierten Soll. Ich möchte perfekt sein. Perfekt sein heißt, keine Angriffsfläche zu bieten. Ein hochgradig kindischer Wunsch.

Insgesamt sind 12 Schüler eingeteilt, so viel, wie die Notfallambulanz noch nie hatte. Ich kann mich da nicht durchsetzen, ich ertrage Konkurrenz nicht, ich mache mich klein, nehme mich zurück, lasse andere scheinen, während sie mich spielerisch im Schatten stehen lassen. Ich rede mir ein, dadurch besonders höflich zu sein. Dabei würde ich sie alle selbst höchstpersönlich aus dem Rampenlicht treten, wenn ich es nur könnte.
In der schulischen Theorie bin ich in ständiger Angriffslust. Ich korrigiere Fehler der Lehrkräfte am laufenden Band, was mir den Ruf des ewig nörgelnden Besserwissers beschert. Eine Rolle, die mir gefällt, denn in mir ist in diesem Fall tatsächlich der Drang größer, etwas verbessern zu wollen als mich selbst aufzuspielen. In der Praxis halte ich die Fresse. Mag klug erscheinen, ist es nur nicht. Ich halte wirklich die Fresse. Ich rede nicht.

Im Stationsalltag nicht so präsent zu sein wie die anderen, macht mich für die Verteilung von Aufgaben zur dritten, vierten, fünften Wahl. Ich komme mir dumm dabei vor, in der Gegend rumzustehen und auf Arbeit zu warten (ich suche mir dann immer etwas zu tun, allerdings sind das dann Hilfsarbeiten, für die sich meine Mitschüler zu fein sind; die mache ich, während die anderen das richtige Timing haben, die spannenden Aufgaben abzufangen). Ich komme mir dumm dabei vor, am Rand der Gruppe von Schülern zu stehen, die alle 13 Jahre jünger sind. Ich kann mit ihnen nichts anfangen, sie mit mir nicht.

Ich bin unflexibel, wenn es um unbekannte Situationen geht. Zur Vorbereitung auf meine erste Nachtschicht, zum Beispiel, muss ich sämtliche Termine absagen. Wenn ich auf eine neue Station komme und es ein anderes Dokumentationssystem gibt, die Zimmer anders aufgebaut sind, Pflegeutensilien anders gelagert bzw. ungewohnte Utensilien genutzt werden, empfinde ich mich wieder als ungenügend und schlecht. Dabei brauche ich nur ein paar Tage länger als die anderen, um mich zurecht zu finden. Eigentlich sollte das kein Makel sein.

Ich brauche sehr lange, neue Arbeitsschritte zu lernen, weil ich alles richtig machen will. Selbst wenn ich etwas kann, zögere ich, denn ich bin stets voller Zweifel. Andere sind das genaue Gegenteil: Sie klingen so extrem von sich überzeugt, selbst wenn sie nicht das geringste Fünkchen Ahnung haben und komplett falsch liegen. Man muss ihnen einfach glauben. Mir fehlt da auch der Skrupel dazu.

Ich bin zu empfänglich für zwischenmenschliche Prozesse. Mir entgeht nur wenig. Jemand vereinnahmt moralischen Absolutismus für sich und merkt im masturbativen Wahn gar nicht, wie sehr er sich widerspricht oder wie ungerecht simplifiziert seine Anschauungen/Ideologien/Analogien sind? Jemand lästert über Kollegen, die nicht da sind, oder lässt sie mit indirekten Anspielungen vor der Stationsleitung schlecht aussehen? Jemand versucht einen anderen im Status zu drücken und sei es auch nur, durch den bloßen Ausdruck „Du siehst heute aber gar nicht gut aus“ (wird öfters im bewusst „drückenden“ Kontext benutzt als man denkt)? Es wird nicht versucht, jemanden ins Gruppengespräch einzuführen, obwohl er still und abgeschottet dasitzt? Eigene Fehler werden heruntergespielt und Vorkommnisse jeglicher Art, die nicht der Rede wert sind, dramatisiert, um sich in den Mittelpunkt zu stellen? Es wird laut (aber natürlich hinterrücks) gehetzt, gezankt, gezickt? Willkommen in der Pflege. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie asozial Menschen in sozialen Berufen sein können.

Ich möchte mich nicht anbiedern. Notfallzugänge, Schockraum etc. werden von mir gemieden, weil ich Angst habe zu stören oder aufzuhalten, obwohl ich dort viel lernen könnte. Ich weiß für mich, dass mich mein beruflicher Weg niemals dort hin führen wird. Also möchte ich den Profis den Vortritt lassen, da es im Schockraum um Leben und Tod geht. Dort ist auch der Chefarzt häufig zu finden und ich meide ihn, weil ich mich unwohl in seiner Gegenwart fühle. Er ist ein Pitbull. Ein Pitbull im Schafspelz. Seine Stimmfarbe sagt: Keine Angst. Sein Stechschritt sagt: Ich räum dich weg. Ich habe ihn auf seinen Spaziergängen durch die Flure schon oft über andere Fluchen hören. Seine Schuhe sagen: Sein Weg ist gepflastert mit Leichen. Schüler lernen von ihm viel Theorie, aber er beschränkt sich bei den Nachhilfestunden auf die -innen.

Ich will nicht ständig sagen müssen: „Zeigt mir was!“ Frag zwei Pflegekräfte, erhalte drei verschiedene Antworten. Wenn eine Pflegekraft nicht mit mir klarkommt (oder andersrum), meide ich sie, was die Fronten weiter verhärtet und letzten Endes mir zum Nachteil wird. Ich vermeide. Damit trainiere ich mich nicht in der Kunst, auch mit ungeliebten Kollegen zurecht zu kommen. Man kann sich einzelne Mitglieder im Team nun mal nicht aussuchen. Irgendwann, spätestens im festen Berufsleben, muss ich mich mit schwierigen Kollegen arrangieren lernen.

Die Somatik scheint nicht wirklich mein Feld zu sein. Dies behaupte ich, ohne alles zu kennen. Mein Immunsystem ist nicht sehr zivilisationstauglich, ich bin häufig krank. Ich liebäugle mit der Unfallchirurgie. Weniger infektiöse Risiken (ich habe größte Angst, meiner Großmutter eine Krankheit aus der Arbeit mitzunehmen – seit ich im Krankenhaus arbeite, schotte ich mich von ihr ab). Das Team der Unfallchirurgie war das beste, das ich bislang hatte – man bekam das Gefühl, sich nicht ändern zu müssen, die Erlaubnis, frei man selbst zu sein. Primärziel ist eine Karriere in der psychiatrischen Pflege. Dies sage ich, ohne die psychiatrische Pflege jemals praktisch erlebt zu haben. Befürchte wie so oft zu flüchten, sobald es anstrengend wird. „Entspanntes Arbeiten“ wie ich es mir erträume, gibt es vielleicht gar nicht auf dieser Welt. Zumindest nicht für das Geld, das ich mir gleichzeitig wünsche.

Viele „Spät auf Früh“-Schichtwechsel ermüden mich. Mir bleiben oft nur fünf Stunden Schlaf bei meinem ohnehin seit der Ausbildung gestörten Schlafverhalten.

Ich kann mir vieles nicht merken. Mein Kopf braucht ständig freie Ressourcen, um kreativ zu sein. Kreativität ist ein ständiger Hintergrundprozess, bei mir. Kann das nicht abschalten. Das heißt in der Praxis, dass ich nicht mehr weiß, ob eine Pflegekraft vor fünf Minuten von einem Patienten Blut abgenommen hat, obwohl ich direkt dabeistand.

Häufig sieht man mich aufseufzen und die Augen verdrehen. Pflegekräfte mit all ihren Menschenkenntnissen interpretieren das so: Er hat keine Lust auf die Arbeit. Was tatsächlich der Fall ist: Ich bin von mir selbst angekotzt, weil ich etwas nach meiner Ansicht in ungenügender Qualität mache oder mir ein Fehler unterlaufen ist. Manche fragen mich, in welchem Kurs (Lehrjahr) ich bin. Wenn ich „Im Zweiten“, antworte, lache ich dabei. Ihre Interpretation: Sie meinen, ich mache mich über sie lustig, weil sie nicht merken, wie weit fortgeschritten ich schon bin. Was tatsächlich der Fall ist: Ich lache, weil ich meinen Leistungsstand nicht einem Zweitkursler gebührend betrachte. Da ist es mir egal, wie oft mir versichert wird, dass ich alles, was ich können sollte, angemessen beherrsche. Ganz oder gar nicht. Ich schwimme im Urin der Opferrolle.

Ich fange oft etwas an und bringe es nicht ordentlich zu Ende. Wie diesen Blog-Beitrag.

~ Don’t comment, what you can’t kill. ~

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