Tinder-Terror (Date 1, 2018)

Tinder-Terror (Date 1, 2018)

Am 17. März 2018 hatte ich ein Tinderdate, mein erstes Date, dieses Jahr. Ja, richtig gelesen. Roger Buscapé Nigk tindert. Und das nicht mit wenig Erfolg. Meine Bilder sind nicht gerade gut, aber Matches kommen regelmäßig rein, ohne dass ich Dauerlikes verschicken muss. Dafür, dass ich sexsüchtig bin, bin ich ziemlich wählerisch. Ich halte das für eine gute Sache. Standards haben.

Demzufolge ist mit meiner Freundin Schluss. Ob und wie ich darauf in diesem Blog eingehe, weiß ich nicht. Ich musste sie verlassen, bevor ich mich in etwas übles hineinmanövrierte. Mein Tinderprofil war schnell reaktiviert. Bedenkt man, wie ich nicht lange davor im Zug nach Hause stand und wie ein Idiot weinte, ziemlich schnell reaktiviert. Ablenken, hieß es. Likes sammeln, fürs verletzte Ego. Aber nicht so viel Zeit damit verbringen wie das letzte Jahr, obwohl es Spaß machte, viele neue Mädchen kennenzulernen und manche von ihnen ein bisschen zu mögen.

Seit meiner Auszeit standen knapp 40 Matches zur Belästigung bereit, jedoch meist zu weit weg oder inzwischen nicht mehr interessant genug. „Hurra – ein Match!“ ploppte es auf. Klappte schneller als erwartet. Ein Bild ihres Gesichts, nicht mehr. Kein beschissener Filter, keine immergleichen Reisefotos und Bilder bezahlter oder Gratis-weil-Fotograf-notgeil-Fotoshootings – kein verfickter Tinder-Standard, der mich so unfassbar langweilt. Schönes langes Haar. Außerhalb des Bildausschnitts hätten sich dennoch 200 kg locker verstecken können. Nett gechattet, bald verlagert auf WhatsApp, um abzuchecken, ob sie nicht ein Fakeprofil ist. Kennenlerntreffen war genauso schnell ausgemacht. Ich ließ nichts anbrennen.

Zu ihr: Krankenschwester in einem Konkurrenzkrankenhaus, 30 Jahre alt, zudem noch Praxisanleiterin. Ich malte mir aus, wie sie mich mit praktischer Nachhilfe durchs Examen bringen würde. Blasendauerkatheter legen als Vorspiel zum Flachlegen.
Einen großen schönen Hund hatte sie auch. Ich mag große Hunde. Dazu noch ein entspannter Humor und versendete Sprachnachrichten im betrunkenen Zustand (eine schöne Stimme, wie von einer Punkerin). Sie wäre bei einem Freund gewesen und hätte was getrunken, um beim Wechsel von Spät- auf Frühschicht besser schlafen zu können (kommt mir nicht zum ersten  Mal so vor als wollen Frauen mit dem Einführen eines männlichen Nebenprotagonisten Eifersucht provozieren oder einfach nur verunsichern; mir war das scheißegal – beste Reaktion, die man darauf haben kann). Bei sofortigem Einschlafen wären das zwei Stunden Schlaf gewesen, wenn sie mich mit ihren Schichten nicht log. Und dann war sie während der Arbeit natürlich pausenlos online, um mit mir zu chatten. So ist das: Haben sie Interesse, haben sie Zeit. Immer und überall.

Verging viel Zeit, in der ich im von mir ausgesuchten Restaurant alleine am Tisch saß. Nach 10 Minuten schrieb ich sie an. Sie hätte nicht gedacht, dass die Uhrzeit verbindlich war. Yeah right. Ich machte mich darauf gefasst, mein Radler zu trinken und einen schönen Abend alleine zu verbringen. Das Restaurant ist super. Meine Toleranzgrenze der Verspätung beim ersten Date beträgt 15 Minuten, vielleicht 20, bevor ich gehe. Aber sie wollte tatsächlich noch kommen. War egal, ich hatte ein eBook auf dem Smartphone, um fürs Studium zu lernen. Und mein Radler ging dann natürlich auf sie.

Sie war sehr, sehr hübsch. Durchaus mein Typ. Keine versteckten 200 kg. Nur war ich mir nicht ganz sicher, ob ich sie nicht aus einem Praktikum in ihrem Krankenhaus kannte. Die Station war dieselbe, denn wir tauschten ein paar Insider über ihre Kollegen aus, von denen in meinem Krankenhaus ein bisschen gequatscht wird. Wenn sie es wirklich war, dann setzte ich mich damals bei ihr in die Nesseln als ich sie fragte, ob sie noch Auszubildende sei. Glaube, sie hatte auch bei meiner schlechten Praktikumsbewertung (Note 3) ihre Finger mit im Spiel. Auf alle Fälle kannte sie mich nicht mehr, zumindest hat sie nichts in der Richtung angedeutet und ich hielt ebenfalls schön die Klappe. Vorsorglich. (Am Ende des Dates fragte ich sie dann doch über WhatsApp. Sie hätte ein sehr gutes Gedächtnis, davon wüsste sie aber nichts.)

Unsere Gespräche waren witzig, toller Humor, tolles Ping-Pong mit frechen Sprüchen, einfach nur entspannt, locker, voller Ironie und Spaß. Letzteres ist auch das einzige, was sie aktuell suche. Wundervoll! Keine, die auf was Festes aus ist! Ich war guter Stimmung, bis sie von früheren Beziehungen anfing. Vier Jahre mit irgendeinem Dude. Danach elf Jahre mit einem psychisch erkrankten Mann, von dem sie sich im Januar frisch hat scheiden lassen. Macht insgesamt die Hälfte ihres Lebens in Beziehungen zu Männern, was leicht darauf hindeutet, dass sie nicht alleine sein kann. Zum Vergleich: Meine längste Beziehung erstreckte sich über eineinhalb Jahre. Sie hätte genau so gut die Hose runterziehen und einen feuchten, 50 cm langen Fleischpenis auf den Tisch klatschen können. Nicht aus dem Grund, dass sie über ihren Ex-Partner sprach (das machen sie alle), sondern was sie über ihren Ex-Partner sprach.

Genügend Stoff um eine Biografie über ihn zu schreiben wäre jetzt vorhanden. Sogar sein Vorname rutschte ihr raus. Depressionen weit schlimmer als meine. Ziellosigkeit weit schlimmer als meine. Abhängigkeit von Eltern weit schlimmer als meine. Ständiger Drang nach Bestätigung und Elternliebe durch elterliches Diktat zu Beruf, Liebe, Leben, was in völliger Resignation endete und ihn seither in der Arbeitslosigkeit hält. Hab ich die Persönlichkeitsstörung schon erwähnt?
Er war Zivi auf ihrer Station. Da lernten sie sich kennen und lieben. Seine psychische Labilität zeichnete sich mit Beginn ihrer Beziehung immer mehr ab, bis sie in eine stationäre Behandlung mündete. Sie zogen ziemlich schnell zusammen, mit ihrer kompletten Einrichtung, weil er damals wie heute völlig mittellos sei. Einige persönliche Details mehr folgten. Will mich gar nicht mehr daran erinnern. Er sei nun bei einer Schwester im tiefen Westen Deutschlands. Das schließe ein „Verrückter-Ex-besucht-mich-mit-Axt“-Szenario wohl aus. Beruhigend.

Freilich hätte ich jederzeit sagen können, es genüge jetzt, ich wolle nichts mehr davon hören; das Thema irgendwie umlenken. Empfand ich aber als Fehler. Je mehr sie über ihren Ex erzählte, desto mehr erzählte sie über sich. Schließlich war sie elf(!) Jahre mit ihm zusammen. „Co-Abhängigkeit“ war ihr beschreibendes Synonym zu ihrer Beziehung. Genügend Hinweise zur Vermutung eines Helfersyndroms – „Ich muss ihn retten, er braucht mich und meine Hilfe!“ – hörte ich jedoch nicht heraus. Schwierig. Und sobald etwas schon in dieser Phase schwierig wird, sollte man es lassen, vor allem, wenn sie beiläufig einen Kinderwunsch erwähnt, was sie tat. Renn, Roger, renn!

Bevor ich sagen konnte, dass es Zeit wäre es zu packen, nahm sie mir die Worte aus dem Mund. Müde sei sie. Me too. War mir vollkommen recht. Ihr fast unangetastetes Essen ließ sie einpacken. Sie bestellte viel zu viel. als wolle sie die ganze Woche damit herumkriegen. Ich erinnerte sie nochmal daran, wie sie sich frech verspätete und nutzte das, um heimgefahren zu werden.

Fazit: Viele interessante Interna aus ihrem Krankenhaus und der Schülerbewertung erfahren (decken sich übrigens zu 100% mit meiner Kritik daran), 3,10 EUR gespart und kostenlos nach Hause chauffiert worden. Gutes Outcome. Schade war es trotzdem. Wir waren beide superwitzig und sie war wirklich sexy. Aber ich hatte hinterher nicht mal das Bedürfnis sie zu küssen. Wirklich Schade.

Sie: „Also, bis dann!“
Ich: „Joah, bis dann mal. Irgendwann.“

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