Traumfänger im Roggen (Träume mit Wiederkehr)

Traumfänger im Roggen (Träume mit Wiederkehr)

Wiederkehrende Träume sind ziemlich verbreitet. Mein Opa hat nach eigenen Angaben nur vom Fliegen geträumt. Oma träumt seit Opas Tod oft von ihm (ihre Traumdeutung: sie müsse sterben. Ja, das müssen wir alle mal). Eine Mitschülerin träumt von Dinosauriern, die sie fressen. Einer anderen fallen die Zähne aus. Ein früherer Kumpel träumte davon, nackt in der Schule zu stehen. Was träumt dieser leicht gestörte Motherfucker, Roger Nigk?

Entweder, man träumt immer den gleichen Traum. Oder die komplette Umgebung ändert sich, die Protagonisten bleiben aber dieselben. Oder alles ändert sich, vielleicht sogar so weit, dass man erst nach längerem Nachdenken das wiederkehrende Muster erkennt (ja, Kreativität lässt einen immer irgendwo ein Muster hineininterpretieren; wir Menschen stehen auf Muster, sie machen unser Leben vermeintlich erklärbar, was beruhigt und Komplexes überschaubar/kontrollierbar macht und evolutionär hat sich das „Muster erkennen“ ebenso ziemlich gut bewährt – eine Spielwiese für Manipulation).

Träume sind ein großes Feld für esoterische Spinner, die einem für Kohle sonstwas deuten wollen. Psychologen, Psychotherapeuten, bestimmt sogar Psychiater fragen nach Träumen oder messen ihnen Bedeutung bei. Sigmund Freud hat ein ganzes Buch über seine Traumtheorie geschrieben, ich habe es nicht gelesen. Mal kurz selbst nachgedacht sind Träume für mich etwas, das einem gerade beschäftigt oder beschäftigt hat und ein Echo in den komplexen Denkvorgängen des Schlafes findet. Stress, den man hatte, Schönes, das einem passiert ist, etwas, das man ersehnt, etwas, vor dem man sich fürchtet, eine verschlüsselte Bricollage an Dingen, die einem im Laufe der Woche passiert sind, mehr oder weniger konkret, surreal, realistisch, verrückt … je nachdem, wie fantasiereich und kreativ der Träumer ist. Oder wie high, besoffen, fiebrig. Ihnen eine große Bedeutung beizumessen, davon würde ich vom Gefühl her Abstand nehmen. Träume sind Schäume, heißt es und hat meine Oma komischerweise schon immer gesagt. Schaum benutze ich, um mir die Sackhaare zu rasieren. Interessant wird es für mich erst bei wiederkehrenden Träumen, die sich über Jahre hinweg etabliert haben. Voraussetzung: Sie passieren einfach, ohne, dass man sich bewusst (und vielleicht ängstlich) in die Idee hineingesteigert hat, sie könnten etwas wahnsinnig tiefgründiges bedeuten, denn sonst finde ich sie nicht mehr „authentisch“, wenn man so will; die Wiederkehr wird dadurch eventuell erst getriggert. Sie sollen einfach nur passieren, dann könnten sie aufschlussreich sein.

Ein bisschen Stöbern durch Foren – wo in der Traumdeutung durch eigenartige Alt-Hippies haarsträubendste Schlüsse gezogen werden –  lässt erkennen: Andere haben wiederkehrende Träume vom Fliegen, vom Fallen, vom gejagt werden, von Prüfungen, vom eigenen Tod oder dem, nahestehender Personen, und wieder andere sind irgendwo eingesperrt, wo sie keinen Ausgang mehr finden. Mein wiederkehrendes Traumthema hat ein bisschen was von Eingesperrtsein und der Sehnsucht nach Befreiung.

I Have a Dream

Das Umfeld meines Traumes ist dem meiner Nachbarschaft sehr ähnlich, meist sogar mit deutlichen Bezügen. Es ist Sommer oder warm, die Farben sind warm, ich fühle mich gut. Ich stehe in Kontakt mit einem jungen Mann, den ich nicht kenne. Um was es geht ist nie bekannt. Ich möchte weggehen, er geht mir nach. Ich gehe schneller, er wird schneller. Ich bitte ihn, mich in Ruhe zu lassen. Er schlägt mit nackten, harten Fäusten nach meinem Gesicht. Ich weiche aus und möchte mit hochgehaltenen Händen deeskalierend auf ihn einreden. Funktioniert nicht. Seine Fingerknöchel jagen mich. Keine andere Option als zurückzuschlagen. Meine Schläge treffen, ich bin klar überlegen und biete mehrmals das Ende an – ein Angebot, das er nicht annimmt, im wahrsten Sinne des Wortes „ausschlägt“. Mir wird zunehmend klar, dass ich ihn KO schlagen muss, um aus dieser Sache rauszukommen.

Jeder Treffer klatscht. Mein Gegenüber blutet bereits stark. Ich kann mich nicht daran erinnern, auch nur einmal getroffen worden zu sein. Faustschlag, um Faustschlag, Ellbogen, Knie, Tritte. Mein Gegner kämpft weiter, no knockout possible. Seine Ausdauer ist ohne Ende, seine Nehmerqualitäten unmenschlich. Ich gehe rückwärts und sage ihm, er solle sich verpissen, doch er bleibt an mir kleben. Ich muss kämpfen und kämpfen und kämpfen. Wie lang kann ich durchhalten? Spätestens, wenn mir die Puste ausgeht – was sehr schnell passiert -, bin ich geliefert. Einzige „friedliche“ Lösung wäre, mich umhauen zu lassen und dabei nicht zu wissen, was er mit mir anstellt, wenn ich mich totstelle oder gar bewusstlos bin. Er macht nicht den Eindruck aufzuhören, wenn ich am Boden liege. So oder so bin ich ihm ausgeliefert. Niemand da, der mir (und ihm) helfen könnte. Ich erkenne, dass ich ihn töten müsste, um mich selbst zu retten. Ich wache auf.

ANALyse

Das Rahmenkonstrukt meines wiederkehrenden Traumes ist immer das gleiche, nur die Kampfszenen und Aggressoren ändern sich; manchmal versuche ich gar nicht erst zu deeskalieren, sondern werde gezwungen, mich sofort handgreiflich zu verteidigen. Frage mich oft, ob das etwas damit zu tun hat, dass ich mich schnell angegriffen fühle. Das ist seit jeher meine Grundstimmung: Jemand will mir was, draußen lauert Gefahr.

Um meinen Traum zu verstehen, könnte es helfen zu erfahren, dass ich im Problembezirk einer Kleinstadt aufgewachsen bin und facettenreiche Formen der Gewalt – meist in physischer Form besonderer Drastik – ein tägliches Schauspiel waren. Ich hatte größte Angst davor, allein zu sein. Ich hatte Angst vor allen größeren Kindern. Ich sah, was Erwachsene sich gegenseitig antun konnten, sah die Auswirkungen eines oder mehrerer Faustschläge, was Fußtritte gegen den Kopf verursachen und was für Flecke auf der Straße hinterlassen werden, wenn dieser Kopf mit Wucht gegen den unnachgiebigen Asphalt schlägt. Ich sah verschiedenste Schnitt- und Stichverletzungen, frisch hinzugefügt oder als Geschichten erzählende Narbe, erkannte als kleines Kind, dass Messer und abgebrochene Flaschen durch menschliches Fleisch gingen, bevor ich es beim Spielen selbst erfuhr. Und ich sah, dass die Kampf-Netiquetten „man schlägt keinen, der eine Brille trägt“ und  „man schlägt keinen, der am Boden liegt“ im echten Leben denselben Wert haben, wie das Leben dieses zittrig auf dem Rücken liegende Kerls, der hörbar an seiner Zunge erstickt. Meine Ängste waren groß.

Bei dem schlimmsten Zweikampf, den ich als kleiner Knirps mit ansehen musste, endete es nicht einmal, als der andere bewusstlos wurde. Er kniete auf den Armen des am Boden liegenden und schlug zu, bis er zu erschöpft war, weiter zu machen. Er hatte Ausdauer. Die Fäuste trafen das Gesicht, aber man konnte spüren, dass er durch den Kopf hindurchschlug und erst aufhören wollte, wenn er ein Loch voller Blut, Matsch und Gehirn in den Boden gegraben hatte.
Anders als in der „Angel Face Beating“-Szene von Fight Club, war das zerstörte Gesicht schon vorher nicht schön. Das Opfer überlebte. Ich weiß noch, wie ich dem Verprügelten eine Zeit lang aus dem Weg ging, aus Angst, seine Verletzungen zu sehen.

In meiner Kindheit bis in das frühe Erwachsenenalter hinein, war ich sehr schmächtig. Mit 19 wog ich bei einer Größe von 1,80 gerade mal 59 kg. Bei uns zuhause war es nicht üblich, große Mahlzeiten zu etablieren, geschweige denn auf die geeignete Zufuhr von Makronährstoffen zu achten. Ich war fehlernährt und wurde durch strenge Hand von sportlichen Aktivitäten ferngehalten, obwohl sie gesund für mich gewesen wären. Dementsprechend war ich nicht widerstandsfähig gegenüber Krankheiten. Wie sollte ich da andere Menschen davon abhalten, mich einfach so zu verprügeln? Am wichtigsten von allem: Wie sollte ich meine Familie beschützen, wenn es darauf ankam?

Erste Kampferfahrungen hat man oft zur Kindergartenzeit. Ich war nie im Kindergarten. Dann halt erste Statuskämpfe in der Schule. Fuck, was war ich ein großer Fan von Bruce Lee. Für mich war er der beste Kämpfer der Welt, unbesiegbar, ich las nicht viel, aber seine Bücher verschlang ich. Man musste nur die Bilder gut genug studieren, schon konnte man sich verteidigen, dachte ich. Ihr könnt euch vorstellen, wie ich herumgeschubst wurde? Bei jeder Prügelei, die ich mir durch meine große Klappe einhandelte, verspürte ich Todesangst und lief weg. Meine letzte Schlägerei mit 14 wurde von meinem damals besten Freund aufgelöst, der meinen Opponenten für mich verdrosch, nachdem er mich panisch flüchten sah. So oder so: Selbstvertrauen konnte ich in der Körperlichkeit nie aufbauen.

Warum auch immer war ich seit der Grundschule Teil von Cliquen großer Kinder, Russen und Türken, gewaltbereit und bereit sich für mich einzusetzen. Das war bequem und die vielen Prügeleien meiner „Freunde“ boten mir eine gewisse Geborgenheit. Home sweet home.

Über die Jahre habe ich mich in vielen Kampfkünsten versucht. Geblieben bin ich beim Boxen, aber auch nicht sehr lange. Durch das Training, insbesondere das Sparring, habe ich gemerkt: Ich kann einstecken, ich kann austeilen, ich kann mich durch meine Angst prügeln und unangenehme Situationen bis zu einem gewissen Punkt aushalten (auch im Bodenkampf). Ich wurde vermoppt und ich habe andere vermoppt. Weiß nur nicht, ob ich mich in einer richtigen Fight or Flight Situation nonverbal behaupten könnte. In meinem Nachtleben hat mich mein Gelaber schon aus einigen Streitereien herausgeholt. Ich kann auch deeskalativ.

Aber was zum Henker soll dieser Traum? Meine Psychotherapeutin hatte etwas dazu gesagt, dass ich mir aufgeschrieben und irgendwo verlegt habe. Sollte ich meine Notizen dazu finden, ergänze ich sie, sofern sie es wert sind. Psychotherapeuten sind nicht davor gefeit, Müll zu labern.

Es hat definitiv etwas mit meiner Angst zu tun, angegriffen zu werden und hilflos anderen ausgesetzt zu sein. Mir fehlt es an Grundvertrauen gegenüber Menschen. Freunde sind nicht immer Freunde, Liebe ist nicht immer Liebe, das Leben ist nicht immer schön. Dafür ist Roger immer schnell enttäuscht, Roger immer schnell in Abwehrhaltung und Roger immer schnell am katastrophisieren. Der Kampf in meinem Traum ist der Kampf gegen den Roger in mir, der mich daran hindert, mich zu meiner wahren Größe aufzustellen und zu mir selbst, mit all meinen Fehlern, Talenten und Bedürfnissen, zu stehen. Untertitel meiner Ängste ist: „Du genügst nicht, du bist nicht richtig, so wie du bist.“ Symbolisierte Opferrolle, die mich so gut kleidet (siehe auch meinen Beitrag „Alles muss raus“).
Vielleicht erkenne ich, wenn ich tief genug in die angeschwollenen, blutigen Augen meines Traumgegners starre, meinen eigenen Schmerz. Vielleicht schreibe ich gerade diesen esoterischen Horoskope-Bullshit, wie ich ihn eingangs an Traumdeutungen in Internetforen kritisierte. Oder ich habe mich bewusst (und vielleicht ängstlich) in die Idee hineingesteigert, dieser verfickte Traum könnten etwas wahnsinnig Tiefgründiges bedeuten. Bis zum nächsten Stelldichein werde ich ein Messer ins Bett mitnehmen. Mal sehen, ob sich dieser Traum nicht beenden lässt.

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