Elements of Crime

Elements of Crime

Träumen wir etwas, finden wir häufig Versatzstücke bzw. inspirativen Ursprung in Dingen, die wir zuvor erlebt oder gedacht haben. Vermute ich zumindest. Kann natürlich auch sein, dass ich Muster erkenne, wo keine sind. Werde nochmal in einem Blog-Beitrag zu wiederkehrenden Träumen kurz, keineswegs tiefgründig, darauf eingehen. Hier ein Versuch der Veranschaulichung anhand zuvor erlebter Dinge:

Element #1 – Aiversuht (oder so ähnlich)
Siehe vorherigen Blog-Beitrag.

Element #2 – Digitale Demenz auf der Straße
Ich fuhr mit dem Motorrad. Ein junges Mädchen überquerte, in ihr Smartphone blickend, blind die Straße und lief mir praktisch vors Vorderrad. Ich bremste ab, ließ mich ein Stückchen näher an sie heranrollen (sie bemerkte mich immer noch nicht) und hupte ihr ins Hirn. Sie erschrak, ich plärre „Ja schau halt!“. Als ich weiterfahre, frage ich mich tatsächlich, ob ich sie wirklich noch anschreien musste.

Element #3 – OG Kiffer-Clique
Bin um 10 Uhr nachts mit einer Cousine und ihrem Hund spazieren gegangen. Wenn ich dabei bin, kann sie Wege nehmen, die sie sich alleine um diese Uhrzeit nicht traut. Ich kenne diese Wege, weil ich sie mit meinem besten Freund immer gegangen bin. Genügend Freiraum für einen kleinen Hund, kleine ekelhafte Kackkugeln aus sich rauszudrücken.

Seit den letzten drei Jahren hat sich das Bild meiner Heimatstadt stark verändert. Ich kenne die Menschen nicht mehr und das nicht nur, da ich beruflich viel in der größeren Nachbarsstadt bin, nein, schon vorher, als ich ein arbeitsloser Penner war, fühlte ich mich mehr und mehr entfremdet von dem Ort, an dem ich mich seit 31 Jahren nie heimisch fühlte. Wer sind diese ganzen Kinder und Jugendlichen auf einmal? Diese Familien hab ich noch nie gesehen. Seit wann werden so viele Shishas öffentlich geraucht? Was sind das für Cliquen? Und, schnief schnief schnief, wo kommt der Weedgeruch her (den man so oft wie nie zuvor riecht)?

Reflektoren meiner Motorradkleidung inklusive grellgelber Warnweste, machten mich zur funky leuchtenden Christbaumkugel der Nacht. Woran ich da nicht dachte: Zwar machten meine Klamotten etwas unbeweglicher, aber sie schützten mich vor eventuellen Angriffen. Vor allem mit meinen Biker-Handschuhen kann ich durchboxen wohin ich will. Daran dachte ich nicht einmal, als wir an einer Gruppe laut redender, junger Erwachsener auf Fahrrädern vorbeikamen. Weihrauch-süßlicher Duft des Grases kündigte sie an, bevor wir sie richtig sehen konnten. Ich war in das Gespräch mit meiner Cousine vertieft, da hörte ich heraus, dass diese Typen mich kurz ernsthaft für einen Polizisten hielten. Und von da an wusste ich: Das waren verfickte Anfänger, egal wie hart und durchtrainiert sie aussahen.

Sie brachten das Thema auf irgendwelche vermeintlich krassen Polizeigeschichten. Ich schaute zu ihnen, weil es in unsere Richtung abzielte und sie alle zu uns gafften – klar, ich hatte ein großes, hübsches Mädchen dabei (schulisch hatten wir eine Exkursion in eine Justizvollzugsanstalt, da wir als Krankenpfleger auch dort arbeiten könnten; eine Gruppe untervögelter, sich beweisen müssender Knackis, nur durch eine Stahltür getrennt von einer Schulklasse voller Mädchen … die Tür wurde in ihrem Rahmen herumgeschleudert wie ein geschüttelter Sack mit zwanzig läufigen Katern). Kurz wurde es still. Das konnte alles oder nichts heißen, sprich: „Roger, hättest du mal nicht hingeschaut“ bis „Yeah Roger, du Depp, Glück gehabt.“ Letzteres. Sie nahmen keinen Kontakt auf, fuhren uns nicht nach. Erst hinterher erinnerte ich mich an einen der Kiffer, der mit mir dasselbe Gym besuchte. Er hatte Kontakte oder irgendeine lose Verknüpfung zu Mitgliedern der hiesigen Motorradgang.

Element #4 – thisastickup
In dieser verfickten Kleinstadt, in der ich lebe, gab es zuletzt vermehrt bewaffnete Raubüberfälle, bei denen auch Schüsse gelöst wurden. Der suchende Polizeihubschrauber fliegt jedes mal fast durch mein Fenster, was mich beim onanieren vor dem Laptop schwer irritiert. Der letzte Überfall war auf einen Getränkemarkt.

Element #5 – Zivilcouragenscheiß
Eines hatte das Aufwachsen im gewalttätigen Teil einer ansonsten recht ruhigen Kleinstadt: Ich sehe es in fast allen Fällen schon lange vorher, wenn Scheiße zu dampfen anfängt und bin außer Reichweite, bevor dann alles explodiert. Geht meinem Vater ähnlich, nur weicht er nicht vor der verspritzenden Scheiße zurück, sondern stürmt rein, um irgendjemanden den Tag zu retten. Klingt als sei ich feige und mein Vater der Zivilcouragist schlechthin. Sehe ich anders. Es gibt keinen Grund zu helfen, wo nur Gewalttäter involviert sind. Und es gibt keinen Grund, einem gut versicherten Laden die Beute zu sichern. So passiert irgendwann Mitte der 90er.

Wir standen nicht weit vom Eingang unserer Wohnung entfernt, mein Vater, meine Großeltern, ihre frisch geschlüpften Enkelkinder (Zwillinge) und ich. Vater hatte seine Kamera dabei. Mich wunderte, dass er nur wenige Bilder von uns und den Zwillingen machte. Er starrte die meiste Zeit Richtung eines kleinen Factory-Outlet-Ladens auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich sah hin wo ich das Auftreffen seines Blickes vermutete. Für einen Augenblick hörten glaube ich sogar die Vögel auf zu zwitschern, bis diese spannende Stille durch das heftige Aufschlagen der schweren Hintertür des Factory-Outlets durchrissen wurde.

Zwei Kerle in blauen Jeans, mit dicken schwarzen Lederjacken und riesigen Koffern, rannten wie zwei Verrückte raus. Die Inhaberin schreiend hinterher, bis sie nach zwei Schritten auf Kopfsteinpflaster stehenbleiben musste, weil ihre Schuhe nicht fürs Rennen ausgelegt waren. Mein Vater hatte die Kamera im Anschlag und fotografierte in einer Seriengeschwindigkeit, für die die Kamera gar nicht ausgelegt war. Sie rannten die Treppen hoch, direkt an ihm vorbei, weswegen er ein paar Moneyshots von ihnen hatte. Doch das reichte ihm nicht. Die Beute musste zurück. Und da begann ich zu kapieren, was da überhaupt geschah. Je größer der Abstand zu meinem rennenden Vater wurde, desto lauter schrie ich. Wir alle schrien, denn mal ehrlich, das war dumm.

Es hat ziemlich lange gedauert, bis er mit schlürfenden Schritten wiederkam. Für ein ohnehin ängstliches Kind wie mich schwer erträglich, doch eigentlich hatte ich ein gutes Gefühl, denn Vater war schon ein bisschen ein übermenschlicher Superheld für mich, der mehr Schmerzen als andere aushalten konnte, härter arbeitete, rechtschaffener schien und den ganzen Spielplatz mit seinen Turnübungen an der Schaukel beeindruckte.
Bloß, das war kein Spielplatz, hier. Das waren zwei auf frischer Tat ertappte Typen, die nicht wie kleine schwule Messdiener aussahen. Aber okay, sie benahmen sich dann letztendlich wie welche: Einer ließ seine Beute fallen und lief weiter, der andere fiel auf die Fresse und überließ meinem Vater weinend („Nein, nein, nein, nicht, bitte.“) die restlichen Koffer. Ein stadtbekannter Alkoholiker hielt den Schurken fest, bis Vater ihn dazu überredete, dass alles in Ordnung sei und er ihn laufen lassen solle. Vater kam schlürfend zurück, weil die verdammten Koffer so verfickt schwer waren.

Brav gab er die vollgepackten Koffer ab und verschwieg die Bilder, die er gemacht hatte, denn Gerechtigkeit galt für ihn umfassend: Niemand wurde verletzt und sie hatten sicher ihre Gründe, warum sie klauen würden – man muss es ihnen nicht noch schwerer machen. Dafür bekamen wir – bis der Laden pleite machte und zu Sozialwohnungen umgebaut wurde – Rabatt, den wir für Spielsachen für mich ausnutzten.

Was ich im Viertel erlebt habe, lehrte mich, Zivilcourage von Leichtsinnigkeit zu unterscheiden. Mein Vater konnte das nicht.

Element #6 – Oma’s Muttertag
Muttertag. Hatte Oma zum Einkaufen geschleppt und die Mitarbeiterinnen aus vier Läden stramm arbeiten lassen, indem sie etwas finden mussten, das den „besonderen“ Vorlieben meiner Oma entsprach. Zum ersten Mal seit langem, fuhr ich dafür wieder Fahrrad mit ihr – in meiner Kindheit und Jugend fast tägliches Ritual. Sie schien endlich wieder ein wenig glücklich, sich schick machen zu können, dazu noch auf meine Kosten. War ein schöner Tag.

Ich glaube, das waren die Elemente/Auslöser für den Traum, den ich hier kurz festhalten will.

Der Traum

ist gar nicht so besonders oder aufschlussreich. Schreibe hier wohl gerade einen Lückenfüller-Blogpost mit alten Anekdoten als ominöse „Elemente“ verpackt. Cuz I fuckin‘ can. In Klammern nenne ich eines oder mehrere der Elemente, die hier eventuell die Finger in der Traumformung drin hatten. Inwiefern sie das haben, sollte aus dem Kontext heraus erkennbar sein.

Zwei Kerle in schlechten Hip-Hop-Klamotten (einer in knalligem Rot, der anderen in grau-braunen Herbstfarben) betreten einen Getränkemarkt (Element #4 – thisastickup). Ich warte draußen auf meinem Fahrrad und sehe durchs Schaufenster ihre schleichenden, leicht planlosen Wege zwischen den Regalen. Sie nehmen gepissten Blickkontakt auf als würde ich sie dabei stören, etwas zu klauen oder den Laden auszurauben (hier spielen Element #4 und #5 sicher mit rein). Sie starren mich weiter an, ich schaue nicht weg.

Unverrichteter Dinge verlassen Sie den Laden und der Rote hat auf einmal einen leeren Einkaufswagen dabei, den er mir beim Zurückstellen absichtlich an den Knöchel rammt. „Pass doch auf, du Spast!“, fahre ich ihn an. Mir ist im Traum sehr bewusst, dass das Wörtchen „Spast“ nicht unbedingt deeskalierend wirkt (Element #2 – Digitale Demenz auf der Straße, da ich mir dachte, durch mein rufen etwas zu streng mit ihr gewesen zu sein).

„Hastu ’n shice Problem?“ blablabla, man kennt es ja. Ich eskaliere weiter, denn die Jungs sind scheinbar nur ein paar Wannabes. „Fickt euch! Kommt doch her, wenn ihr was braucht.“ (janz klar durch Element #1 „Aiversuht“ getriggert) Wannabes, die mir ihre Messer zeigen. „Wir ficken Bullen, denkst du bei dir hören wir auf?“ (Element #3 – OG Kiffer-Clique)

Oma kommt plötzlich auch raus, fertig mit Einkaufen (Element #6 – Muttertag, die Kulisse war im Grunde die gleiche). Scheinbar wartete ich die ganze Zeit auf sie. Nach kurzer Phase der Einordnung sämtlicher Akteure dieser Situation, mischte sie sich natürlich ein, gewillt, die gespannten Verhältnisse aufzulösen. Dummerweise hatten die Wichser denselben Nachhauseweg wie wir und es blieb aufgeheizt, da ich auf einmal daran dachte, Oma beschützen zu müssen.
Der Pisser in den roten Klamotten zieht sein Messer und richtet es auf mich. Bevor Oma es sehen kann, greife ich blitzschnell danach und breche die Klinge, ohne mich zu verletzen, ab*. Was noch blitzend am Messergriff übrig ist, würde reichen, mich umzubringen. Ich habe auch ein Messer in der Tasche (was ich in der Realität nicht habe; Messer sind meiner Meinung nach für Selbstverteidigung völlig ungeeignet, da keine unmittelbar mannstoppende Wirkung, außer vielleicht höchstens wenn man straight for the kill geht, was man nicht sollte und anyway, selbst wenn man keinen damit umbringen will, kann das doch schneller passieren als man denkt), weigere mich jedoch, es herauszuziehen. Keine weiteren Eskalationen meinerseits.

MC Rotkäppchen und DJ Braunbär klingeln an einer Wohnung, damit ein paar Leute herauskommen, um dabei zu helfen, mich aufzumischen. Ich schicke Oma weg, die zwar bleibt, aber deren Anwesenheit ich im Traum nicht mehr spüren kann. Ich versuche mit ihnen zu reden. Mr. Brown trommelt die Leute zurück, Mr. Red tritt nah an mich heran. Ich reiche ihm meine Hand, die er annimmt, und wir stellen uns gegenseitig vor. Im Verlauf des klärenden Gesprächs, lasse ich seine Hand nicht los, vielleicht als Dominanzgeste, vielleicht, um seinen Arm bezüglich Schlägen ein wenig zu entschärfen. Er entreißt sie mir nach einiger Zeit, wird ihm wahrscheinlich zu schwul. Vergrößere den Abstand nicht, weil ich spüren kann, dass er nicht mehr zuschlagen will.

Alles scheint urplötzlich geklärt (wie in Element #1 – Aiversuht, welches durch seine Konfliktsituation wohl den Tonus des gesamten Traumes bestimmt hat, genau so wie Element #5 – Zivilcouragenscheiß). Letzte Handschläge. Wege trennen sich. Man wird sich still grüßen, wenn man sich fortan wiedersieht. Happy End ohne Ejakulation.

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* Bestimmt auch ein Element, aber mal nicht mit aufgeführt: So ähnlich hat mal ein Bekannter versucht, einen Streit zu klären. Er und seine Leuten standen im Bus und wie das halt mal laufen kann, kommt man mit einer anderen Gruppe ins Hickhack. Von denen zieht einer sein Messer und mein Bekannter greift einfach like „I’m the terminator, fuck you“ in die Klinge und hält das Messer so fest. Riesen Sauerei, die dabei geholfen hat, die aufgeheizte Situation zu entschärfen. Musste genäht werden. Sozusagen ebenfalls ein Happy End ohne Ejakulation, außer er wichste links.

~ Träume fremder Menschen kommentiert man nicht, außer man ist so ’ne Esoterik-Hure, die wie jeder hier Leseverbot hat. ~

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