Tinder-Träume Teil 1 (Erstes Date, 24.04.2018)

Tinder-Träume Teil 1 (Erstes Date, 24.04.2018)

Hätte man mich gefragt, hätte ich nicht gedacht, dass das Date so strange werden würde. War viel zu früh da, also flanierte ich noch ein bisschen durch das Parkgelände des Krankenhauses, in dem ich arbeite. Ich parke dort oft mein Motorrad, wenn ich in die Stadt gehe, weil ich mich dort umziehen konnte und es immer irgendwo ein sicheres Plätzchen für mein Bike gab. Könnte Sera auf der von der Abendsonne beschienenen Sitzbank gewesen sein, die Assistenzärztin, die ich so sehr liebte, dass ich sie verlassen musste. Hat sie überrascht und sicher auch frustriert. Blog-Beitrag dazu wird folgen.

Komisch. Mein Stammcafé für First Dates hatte auf einmal einen Türsteher. Jeder Gast wurde gefragt, ob er reserviert hätte. Hatte ich nicht. Was war los? Fußball. Bayernspiel. Fuck ‚em all. Wie oft mir die Bayern und die Nationalelf schon verfickte Cockblocker waren, unfassbar. Ich lief ein paar mal die Straße auf und ab und sah mir die Schaufenster der umliegenden Krimskrams-Läden an, bis ich dieses ganz besondere Mädchen sehen sollte.

Was ein Tinder-Chat. Sehr lehrreich (man lädt Chinesen nicht zum Kaffee ein, denn „Kaffee schmeckt mehr oder weniger nach chinesischer Medizin. Deshalb war die Akzeptanz dort vor langer Zeit sehr sehr sehr niedrig“), aber auch irgendwie komisch. Genau so, wie unser erstes Date.
Mein Bauchgefühl murmelte mir, sie könnte ein Fake-Profil sein, irgendein kleiner, dicklicher, viel zu behaarter Mann namens Manfred. So etwas spreche ich schnell an, will da keine Zeit vergeuden. Nahm sie mir sehr krumm. Wow, was war sie beleidigt. Eigentlich dachte ich, damit wäre das alles schon gelaufen. Doch dann schrieb sie mir nach ein paar Tagen beleidigter Stille:

Unglaublich, wie lang wir bis dahin schon in Tinder chatteten. Völlig ungewöhnlich für mich. Am liebsten ist mir eine schnelle Überleitung zu WhatsApp, um dadurch endgültig die Echtheit der Person zu verifizieren und zur Not auch mal durchtelefonieren zu können, falls es kurzfristige Planänderungen gibt (etwas, das die heutige Jugend nicht mehr zu tun scheint: telefonieren). Hierzu brauchte ich ihre Nummer. Nope. Jeder Versuch wurde abgewehrt oder ignoriert.

Wieder ließ ich Funkstille herrschen, zwischen uns. Es war mir endgültig zu blöd. Ihr scheinbar nach wie vor nicht, sie wärmte den Chat erneut auf und es wurde schnell konkret bezüglich Treffen. Um mich ein bisschen auf sie einzustellen sah ich mir am Sonntag vor unserem Treffen am Mittwoch nochmal ihr Tinder-Profil an (jaaaaaaaaaaaa, was ihr jetzt denkt, häh? Perverse!). Okaaaaayyyy??? Angezeigte Entfernung: über 400 km. Könnte knapp werden.

Ich mochte ihren trockenen Humor. Ich mochte ihre Schlagfertigkeit. Ich mochte, dass sie einen triezenden Spruch abkonnte und in der Lage war zu kontern. Obwohl der Chat sehr lange, zu lange lief, sie unterhielt mich prächtig. Und sie wusste genau, was sie will:

Wie kann man sie nicht mögen?

Sie unter den vielen Passanten zu erkennen war nicht schwer (klingt das rassistisch?). Sehr zugeknöpft, sehr bieder, altmodisch, nicht körperbetont gekleidet. Schön fallendes, langes, dunkelbraunes Haar, das mich auf Tinder nach rechts swipen ließ, war mit uninspiriertem Schnitt auf die Hälfte abgesäbelt und wirkte ungewaschen. Mein Date in verblassten Konträrfarben ihrer Tinder-Bilder, sozusagen. Mit dabei eine mehrmals, wie zur Absicherung um den dünnen Arm gewickelte Handtasche und eine Tüte mit vier Packungen frisch gekaufter Instant Noodle Soup. Ihr Blick taxierte mich als hätte sie etwas völlig anderes erwartet. Dito, meine Kleine. Und ja, ich bin richtig gründlich unrasiert. Wahrscheinlich erwiderte sie deswegen meine freundschaftliche Umarmung zur Begrüßung mit keinem Wimpernschlag (ja, fühlt sich komisch an jemanden zu umarmen, der dabei seine Arme verschränkt).

Mein Stamm-Café fiel durch das Bayern-Spiel flach. Das nächste Café, das ich recht entspannend für eine Unterhaltung fand, brauchte ein bisschen Fußweg. Sie hatte andere Pläne, denn sie hatte einen knurrenden Magen. Italienisch sollte es sein. Na gut, etwas weniger Fußweg, dafür aber auch kein Tisch mehr frei. Bei diesem Restaurant ein Dauerzustand, obwohl ich das Essen dort wirklich nicht gut finde.

Leerer Bauch, schnelle Lösung: An der Bar essen. Sie erklomm den Barhocker wie eine Stripperin mit Holzbeinen und warf ihre Nudelsuppentüte auf die Theke. Yau, das wird ein besonderer Abend, dachte ich mir. Der Barkeeper war etwas verwirrt als sie bei ihm ihr Essen bestellen wollte. Der Kellner war etwas verwirrt, weil sie an der Theke essen wollte. Mehrmals unterbrach er sie in gebrochenem Deutsch, „Sie wollen einen Tisch?“, was sie mit der Wiederholung ihrer Bestellung beantwortete.
„Nein, ich sagte: Sie wollen einen Tisch?“
„Ich möchte hier essen.“
„Also wollen Sie einen Tisch.“
„Ja, wir hätten gerne einen Tisch. Gleich hier wäre doch was frei?“, unterbrach ich das sture hin und her.
Genau vor uns, ein Sechsertisch, besetzt mit zwei Turteltauben, die ganz links saßen. Genug Raum sich ganz rechts zu platzieren. Ich grüßte lieb und fragte, ob das für die beiden in Ordnung sei. Kein Stress, alles cool. Der einzige Stress ging von meiner Begleitung aus, für die alles zu lang dauerte und zu umständlich war. Ich war tiefenentspannt und das sollte sich nicht ändern, egal was mich hier noch erwartete. Mein Lächeln war fix. Ich lächelte für uns beide.

Eine süße Kellnerin wollte unsere Bestellung abnehmen. Wir hatten ja eigentlich schon bei dem anderen Typen bestellt, was wir ihr sagten. War OK für sie, Essen komme gleich.

„Du bist mit dem Motorrad?“
„Ja.“
„Wo ist deine Motorradkleidung? Oder bist du so gefahren?“
„Liegt alles in meiner Umkleidekabine im Krankenhaus. Ich parke dort. Ist gut und günstig.“
„Ich hatte mal einen Unfall.“
Mit einem Scooter sei sie gefahren. „60 C – C – M.“
„60 Kubik, ja.“
„Wie viel hat deine?“
„700. Ist auch klein.“
Irgendwie hatte sie es geschafft, beim Start einen Wheelie hinzulegen. Begraben unter dem Roller, konnte sie sich nicht alleine befreien, bis zufällig jemand vorbeikam, um ihr zu helfen.
„Gebrochen war nix, aber internal bleedings“, was ich ohne näheren Kontext mit thorakalen Verletzungen oder etwas ähnlichem assoziierte. Gemeint war jedoch ihr Unterschenkel, der komplett stark blau wurde. Wenn sie hinfasste, habe es sich wie Mus angefühlt, Mus, das Fliegen anzog, weswegen sie alles mit Pflastern abdeckte. Guten Appetit! Wobei ich uns den noch nicht wünschen konnte. Das Essen war nach fast einer Dreiviertelstunde immer noch nicht da, trotz (oder aufgrund?) ihres Nachfragens im 5-Minuten-Takt. Unsere Bestellung sei gar nicht weitergegeben worden, da der Kellnerkerl gar nicht für uns zuständig sei. Na dann, nochmal bestellt, dafür bei der süßen Kellnerin.

Kann nicht sagen, dass das Essen damit schneller fertig war. Uns blieb jede Menge Zeit weiter zu reden oder sie mir näher anzusehen. Ja, das war eine völlig andere Person als auf den Bildern. Keinerlei Anziehung auf beiden Seiten. Niedlich war nur, wie ihr Grapefruitsaft farblich zu ihren Lippen passte.
„Woher willst du das wissen?“
„Ich sehe es.“
„Das weibliche Auge kann mehr Farbnuancen erkennen als das Männliche.“
„Ach, deswegen heißt das Buch ‚Fifty Shades of Grey‘.“
Lachen konnte sie, was ich schön fand. Widersprüchlich sein konnte sie auch.

Sie arbeite gar nicht im Marketing („Habe gelogen“). Sie studiere Jura im 1. Semester, möchte sich im Kartellrecht spezialisieren, denn das Strafrecht fände sie zu trivial und hat dann im Laufe des Abends doch immer mal wieder den Anschein erweckt, aktuell im Marketing zu arbeiten (war ich in der Arbeit, zeigte mir Tinder an, sie sei unter Kilometer entfernt; es gab nur eine Werbeagentur in der Nähe, vermutlich wollte sie sich schützen). Jura wolle sie aber eigentlich aufhören, sie wisse nicht genau.
„Komm in die Pflege. Wir brauchen jeden Studiumsabbrecher, schau mich an mit meinen zwei Abbrüchen.“
„No, I will get multiresistent bacterias.“
„Nah, it’s not that bad. I already have them all“, antwortete ich und legte meine flache Hand auf ihre. Also dorthin, wo sie eigentlich hätte liegen müssen, denn ihre Hände waren die meiste Zeit unter dem Tisch. Einfach mal so Englisch zu reden kam übrigens öfters vor, gleichwohl es keinen Grund dazu gab: Ihr Deutsch war super. Alle Wörter, die ich nicht auf Englisch wusste, konnte sie perfekt übersetzen. Meine Nachbarn haben ein Restaurant, leben seit 50 Jahren hier und können kaum Deutsch sprechen, obwohl es die gemeinsame Sprache all ihrer Gäste, Freunde und Bekannten wäre. Mein Date lebte seit fünf Jahren in Deutschland und sprach fast akzentfrei. Begeisterte mich schon etwas.

Ständig starrte sie auf meine Yin-Yang-Surferkette als würde ich es vielleicht nur tragen, um mich bei  ihr anzubiedern. Keineswegs. Ich liebe Yin Yangs und ich liebe Surferketten.
„Mein bester Freund hat vor einigen Jahren ein Auslandssemester in Hong Kong gemacht. Er hatte mir dieses Armband hier mitgebracht. Da steht was auf Chinesisch. Kannst du lesen, was das heißt?“
„Reichtum und langes Leben. Das wünscht er dir.“
„Oh, das ist lieb. Mir gefällt die Prioritätensetzung: Zuerst Reichtum, dann ein langes Leben. Lohnt sich sonst auch nicht.“
„Geld ist nicht alles.“
„Als würde es dir mit ein paar Euro mehr in der Tasche nicht besser gehen. Du bist Studentin, da braucht man immer mehr Geld.“
„Da hast du recht.“ Sie verzog ihr Gesicht und blickte um sich.
„Was ist?“
„Riechst du das?“
„Was?“
„Zigaretten.“
„Oh, du hast recht.“ Eine sehr feine Nase, hatte sie. Der von draußen hereinziehende Zigarettenrauch einer zierlichen Dame war kaum wahrnehmbar.
„Ich hasse Zigaretten.“
„Ich auch.“ Eine Gemeinsamkeit von ansonsten keinen.
„Ist das nicht in Deutschland verboten?“
„Vielleicht draußen nicht, ich habe keine Ahnung.“
„Da vergeht einem gleich der Appetit.“
„Wir bekommen ja eh nichts zu essen.“
„Ich werde wütend.“

Einen chinesischen Ausbruch wollte das Restaurant offenbar nicht riskieren. Fast zeitgleich mit unseren Sitznachbarn – die schon ihre Getränke hatten während sie anfangs noch dem Barkeeper dazu bringen wollte, ihre Bestellung an die Küche weiterzuleiten – wurde uns serviert.
„Nur in Deutschland sind Pizzas größer als die Teller“, sagte sie mit einem Blick auf das Essen unserer Nachbarn.
„Du solltest in meine Heimatstadt kommen. Dort sind die Pizzas größer als der Tisch. Die haben gar keine Teller.“
„They put pizza directly on the table?!“
„Directly on the table.“
„That’s not very hygienic“, sprach das Mädchen, das kurz darauf folgendes machte:

Sie biss auf ein Pfefferkorn und spuckte es blank auf den Tisch, dort, wo vorher noch meine MRSA-4MRGN-Hand lag. Unsere Tischnachbarn warfen ihr einen leicht verstörten Blick zu. Ein bisschen Google sagte mir, das sei in China so üblich. Naja, wenigstens rotzte sie nicht unter den Tisch, was dort ebenfalls üblich zu sein scheint.
„Ansonsten schmeckt es dir?“
Anfangs ja, aber es sei „too much cream“.
„Ja, das sagte meine Ex-Freundin auch immer.“
Sie tat ihr Bestes den Anschein zu erwecken, die sexuelle Doppeldeutigkeit überhört zu haben. Also wiederholte ich es. Meine verbale Version des „auf den Tisch spuckens“.

Warum sie vor mir zurückschreckte, wie sehr sie Babyhasen mag und wie viele Kellner sie vor lauter Ungeduld gleichzeitig verprügelte, steht in Teil 2.

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