Reflexion mit der Flex – warum dieser Blog?

Reflexion mit der Flex – warum dieser Blog?

Gründe warum ich blogge sind immer noch dieselben, die ich 2005 hatte, als ich meinen ersten Blog-Beitrag ins Netz laufen ließ. Nur der Hoster ist seit meinem dritten Blog ein anderer. Ein Kerl, mit dem ich innerhalb kürzester Zeit viel Blödsinn durchlebt habe und der mich in einer empfindlichen Zeit nicht von sich stieß, sondern sogar eine Schulbank mit mir teilte. Vielen Dank, Hydeeh Hyde. Ich vergess das nicht. [/schmalziger Prolog]

Einer unserer damaligen Mitschüler, Mic W., inzwischen selbstständig mit Sportnahrung, hatte eine kleine Website, auf der er seine Meinung und Gedanken teilte, großteils auf Englisch. Einer dieser Beiträge löste etwas in mir aus. Vorrangig beeindruckt hat mich seine Gabe zur kritischen Selbstreflexion, dazu dieses angstlose, in fast schon philosophisch anmutende Worte eingefasste „mein Herz ist freigelegt, glotzt und gafft ruhig, ist mir egal“. Und was er schrieb, machte ebenso für mich perfekten Sinn. Enttarnt und erkannt durch so ’nen Typen im Internet. Das war schön.

Zu dieser Zeit – das letzte Jahr ein Teenager – war ich mal wieder unglücklich verliebt, debütierte als Student, wusste nicht wohin, wusste nicht warum, wusste nicht wer ich war (man merkt: 13 Jahre später – Status unverändert). Mein Kopf war voller Dinge, die raus mussten. Mein erster Blog-Beitrag ließ sich davon noch nicht viel anmerken. Richtig verletzlich wurde ich mit meiner Verfolgungswahn-Reihe, gestartet am 09.09.2005, wo es um zerbrechliche Kontakte zu Frauen ging.

Dauerte nicht lange und ich weihte Freunde ein, weil ich gelesen werden wollte. Ich machte mir Gedanken darüber, wie meine Worte bei anderen ankamen, besonders bei einem Mädchen, Sabine, die ich rumkriegen und zu meiner ersten Freundin machen wollte, obwohl sie nicht wirklich mein Typ war und mich auch nicht sonderlich erregte. Aber wir waren in stetigem E-Mail-Kontakt, kannten uns von der Grundschule und sie konnte mit Worten umgehen, was durchaus Anziehung auf mich ausübte. Und: Als wir bei einem Klassenausflug eine Sommerrodelbahn besuchten, teilten wir uns einen Rodelschlitten. Sie saß hinter mir, legte ihre Beine um mich und ich konnte ganz deutlich ihre Vagina an meinem unterem Rücken fühlen. Ich war vielleicht 7 oder 8. Das war mein erster deutlicher Kontakt mit weiblichen Körperteilen, die sonst immer mit größter Sorgfalt von der Öffentlichkeit ferngehalten wurden und damit irgendwie geheimnisvoll waren. Gut, es war ihre und meine Jogginghose dazwischen, aber es hinterließ einen kleinen Funken sexuellen Interesses in mir, der inzwischen zum Fegefeuer erstarkt ist und in mir mit den Sonneneruptionen meines liebenden Herzens um die Vormachtstellung wetteifert. Das machte Sabine für mich besonders. Besonders eroberungswert.

Diese Mischung aus „eigentlich nicht mein Typ“ und „ich will sie zu sehr, weil Muschi“ machte meine Balz natürlich zur großen Pleite. Dass ich viel zu nett und unmännlich war, trug sein Weiteres dazu bei. Zudem war ich leicht zu kränken (bin ich heute noch, nur anders), worunter sie im weiteren E-Mail-Verkehr leiden musste. Wenn ich mir unsere Maildiskussionen gegen Ende des Kontakts nochmal durchlesen, schäme ich mich mehr als eine werdende Mutter, die in den letzten Presswehen der Hausgeburt auf den Tisch der Schwiegermutter scheißt – im Beisein der kompletten Verwandtschaft inklusive RTL-Fernsehkameras mit Live-Übertragung. Auch wenn mich damals störte, dass ihre Eltern so verfickt reich waren: Wir hätten irgendwie Freunde bleiben können. Vielleicht. Noch ein bisschen. Vermutlich nicht.

So it’s all about the pussy, right? Nope. Bloggen verschaffte mir ein Gefühl von Befreiung, raus aus familiären und gesellschaftlichen Käfigen, um sie von außen betrachten und darüber schriftlich sinnieren zu können; ebenso raus aus meiner Engstirn und mal beäugen, was sie so in Falten wirft, sei es durch Zweifel/Skepsis, Trauer, Wut oder Lachen (meine Stirn faltet sich bei allem); raus aus Erinnerungen, um sie aufarbeiten zu können; raus aus mir selbst, um mal andere Temperamente, Persönlichkeiten und Kontroversen infield auszuprobieren. Das war und ist spannend. Dabei im Gegenwind zu segeln und mal einen mehr oder weniger harten Schuss an den Bug zu kriegen, gehörte dazu.

Gedanken stürmen in meinem Kopf und wirbeln alles durcheinander, an das ich geglaubt und festgehalten habe. Werte, Überzeugungen, Vorbilder, Positionierungen innerhalb der Familie, mein Lebenslauf, mein Alltag, meine Nächte, meine Wahrnehmung als Mann, meine vermeintlichen Errungenschaften, mein Versagen, das alles inmitten von Menschen, Menschen von denen mir viele unsympathisch und suspekt geworden sind … harte Zeiten, momentan.

Der Leidensdruck ist enorm. Mein Geist, mein inneres Zentrum braucht wieder die Form von instabiler Stabilität, wie ich sie mit 25 noch zu haben meinte. Ich bin extrem uncool geworden, kann nicht mehr lässig und entspannt sein (dafür phlegmatisch), bin eine emotionale Splitterbombe, die Tag für Tag hochgeht und mehr oder weniger große Krater reißt, in mich selbst und die Menschen, die mir am nächsten stehen und mir eigentlich wichtig sein sollten.

Frust als festen Freund; bloggen ist die Paartherapie oder die Kreissäge für die Trennung. Jeder Blog-Beitrag hoffentlich ein Zahnrad mehr. Die Kreissäge aufkreischen lassen und nach einer Phase intensiven Schnittschmerzes wieder zur Ruhe finden. Tumore an meiner Persönlichkeit wegschleifen. Reflexion mit der Flex. Gedanken unter Kontrolle bekommen. „Laut denken“ in Schriftform.

Würde man mich fragen, was mir beim Bloggen am meisten gefällt, dann ist es das Kennenlernen neuer Menschen und der Austausch mit ihnen, egal ob sie nur für ein Kommentar oder für längere Zeit im Umkreis bleiben. Keinen von ihnen habe ich je persönlich getroffen, aber mich anderweitig mit ihnen verknüpft, sei es durch E-Mails, studivz (yes, I’m that old), Facebook oder SMS (yup, really fucking old). Doch das ist nun vorbei, denn du sollst verfickt nochmal diesen Blog nicht lesen! Warum tust du’s trotzdem?

„Yes, I am a thinking person. At least most of the times I am. Sometimes I even think too much about something, but that’s how I am. Other people may not think as much, they just go out and do what they gotta do. Some people listen to their heart, others listen to other people. But in the end you have to do what YOU think is the right way for YOU…“
– Zitat Mic

~ Etwas, dass du nicht liest, kannst du auch nicht kommentieren. ~

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